Der Jakobsweg – der dekadente Selbstfindungstrip

Jeder kennt ihn. Jeder hat schon einmal von ihm gehört. Aber spätestens seit Hape Kerkeling weiß jeder, wohin dieser Pilgerpfad angeblich führt: zu sich selber.

Der Jakobsweg ist ein Fernwandererweg für die Gläubigen unter uns. Quer durch Europa ist die berühmteste Strecke wohl die spanische. Hier wanderte eben schon Hape Kerkeling, um später in seinem – auch oftmals umstrittenen – Bestseller darüber zu schreiben. Der Weg ist die dekadente Kur für den Workaholic, der kurz vor einem Herzinfarkt steht und auf esoterische Weise den einfachen Weg zur Erfüllung sucht.

Denn der Pilgererpfad ist tatsächlich eine Trenderscheinung. Ein viel beweihräucherter Selbstfindungstrip, der einem die große Erleuchtung bringen soll, insofern man nur lange genug ,,durchhält“. Passt ja auch ganz gut in die derzeitige Gesellschaft, in der jeder sich selber zu wichtig nimmt und irgendwie glaubt, der Nabel der Welt zu sein. Insofern ist das ganz prima vereinbar mit der Suche nach sich selbst, auf der man eben durch Spanien trampelt, in der naiven Hoffnung, dass man sich selbst irgendwo am Straßenrand wiederfindet.

Also wird losspaziert. Bis es kein Morgen mehr gibt. Dabei lernt man oftmals nette Gesellen kennen, mit denen man ein Stück Weg teilen kann. Das sind die wahren Erfahrungsschätze, die einem auf dem heiligen Pfad passieren. Der Erleuchtung, die manche beim Wandern empfinden, hat nicht seine Ursache im Weg an sich, sondern in der Tatsache, wieder einmal richtig durchzuatmen, mit sich selbst alleine zu sein – sich selber auch wieder aushalten können! – und einfach nur zu ,,sein“. Das würde aber auch auf einer einsamen Insel gehen. Oder auf anderen Fernwanderwegen, die vielleicht sogar noch schöner sind. Denn der Jakobsweg soll nicht nur ein staubiger Pfadfinderweg sein, wie man sich ihn romantischerweise natürlich vorstellt, sondern über Straßen führen, die keine Rücksicht auf vor sich hin murmelnde Geistliche nehmen.

So großspurig wie ich gerade daher rede, meine ich das übrigens nicht. Ich bin eine absolute Spaziergehfreundin und bin selber ständig unterwegs. Ich dachte auch einmal darüber nach, den Jakobsweg zu laufen. Ja genau! Aber habe mich dann dagegen entschieden. Tatsächlich möchte ich nochmal irgendwo herum wandern, dann schiebe ich jedoch keine komplizierten Selbstfindungsunwahrheiten vor mich her, sondern sage einfach: Ich geh gern spazieren 😉 .

2 comments

  1. Pingback: Emanzipierter Urlaub - Frauen bestimmen, wohin die Reise führt | Das Reise-Blog

  2. Richard Böck

    Ich gebe dir recht. es ist ein Trend. Man muss und kann es auch kritisch sehen. Ich habe es getan und ein Buch unter dem Titel „Hast du dir das so gedacht, Jakobus?“ geschrieben. Manche absolute Jakobswegfans haben mit einer differenzierten und kritischen Sichtweise aber Mühe. Vielleicht kannst du ja mal in das Buch reinschauen. IM Verlag: traveldiary.de zu bekommen. Auch in allen Buchhandlungen bestellbar.

    Gruss

    Richard Böck